Zukunftsaussichten

Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich heute hier auf den Stufen vor dem Theater sitzen und dem Schauspiel der Wasserinstallation folgen würde, hätte ich ihm nie geglaubt – und doch bin ich jetzt hier, trinke Kaffee und geniesse den schönen warmen Herbsttag. Irgendwann werde ich dann aufstehen und mit der Strassenbahn nach Hause fahren. Vor zwei Jahren war dies ein noch unvorstellbarer Gedanke gewesen – vor Allem inexistent.

 

Mein 20-jähriges Ich hatte damals noch andere Pläne. Ich war von anderen und doch genauso wunderbaren Menschen umgeben, wie jetzt – an die Menschen, die mich jetzt begleiten: ihr seid toll und ich bin froh, dass ich euch habe; nicht dass ihr jetzt denkt, dass ich euch nicht mag – und ich hatte gehofft, dass alles immer so bleiben würde. Zur Schule gehen, Matura schreiben, studieren, unterrichten, glücklich sein. In der Reihenfolge. Und jetzt? Wo stehe ich?

 

Ben in meinem Ohr singt von der guten alten Zeit. Matura hab ich nie gemacht. Dementsprechend habe ich nie zu studieren begonnen. Unterrichtet habe ich – vielleicht ein wenig anders, als ich es mir zuerst vorgestellt habe. Ich bin umgezogen. Einmal quer durchs Land. Drei Stunden von dort, wo ich meine letzten 20 Jahre verbracht habe. Vieles hat sich verändert und vieles ist nicht so geworden, wie ich es mir gedacht und erträumt habe. Und doch hat sich etwas erfüllt – ich bin glücklich.

 

Ich bin glücklich und habe den wohl tollsten Beruf der Welt. Ich gehe mit Freu(n)den arbeiten. Ich komme gern nach Hause. Ich setze mich gerne an meinen alten Schreibtisch – simpel auf einen alten Bidermeier-Stuhl. Kein extravaganter Sessel, keine Designer-Möbel (ausser das Bett – das hat Stil; Berliner Design halt). Alles simpel und minimalistisch eingerichtet. Hier fühle ich mich wohl.

 

Ich denke ich habe meinen Platz gefunden. Den Ort, wo ich das Gefühl habe “hier gehöre ich hin”.

 

Mein Kaffee ist inzwischen kalt. Ich sitze in der Strassenbahn. Die Morgensonne blitzt im Vorbeifahren zwischen den Häusern durch die Fenster der Bahn. Es kündet sich ein neuer und schöner Tag an. Es ist ruhig. Nur das Rattern der Räder auf den Schienen. Die Bahn ruckelt bei jedem Richtungswechsel ein wenig – ein angenehmes Schaukeln.
Ich habe all diese Dinge schätzen und lieben gelernt. Jeden Tag ein wenig mehr. Habe gesehen, was diese Stadt am Rhein so besonders macht. Manch einer kommt. Manch einer geht und ab und zu kommt es vor, dass einer bleibt.

 

Ich bin hergekommen und wie es aussieht, werde ich so schnell auch nicht wieder gehen.

 

Es ist kurz nach halb neun. Die Strassenbahn überquert die Brücke über den Rhein zum Kunstmuseeum. Die Sonne scheint mir mit ihrer ganzen frühmorgendlichen Kraft ins Gesicht.
Ich schliesse die Augen. Geniesse. Hier am Rhein gehöre ich hin.

 

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