Unveränderlichkeit

Als Buchhändler bekommt man den Tag über so einiges mit – Männer, die ihre Frauen suchen, Frauen, die ihre Kinder suchen. Die Kinder wiederum suchen ihre Eltern und dann gibt es die Eltern, deren Kinder schreien, beim Bezahlen ungeduldig schon richtung Ausgang davonlaufen und die Mutter wundersamerweise irgendwie den Überblick behält.

Ich sehe Kinder, die im Primarschulalter völlig selbstständig und selbstverständlich Bücher bestellen und abholen. Es gibt die Kinder, die mit dem Smartphone der Eltern irgendwo in einer Ecke sitzen und auf den kleinen Bildschirm starren und gar nicht merken was für eine tolle Welt eine Buchhandlung ist, denn mit einer Buchhandlung verhält es sich wie mit den meisten Dingen. Nur wer mit dem Herzen sieht, entdeckt die Dinge, die den Augen verborgen bleiben.

Meine Lieben! Nach einer Pause, die auch mir schrecklich lange vorgekommen ist, bin ich wieder da. Ihr habt mir gefehlt – ehrlich! Aber manchmal gibt es einfach Zeiten, in denen es nicht für alles reicht. Heute nehme ich ech mit – heute arbeite ich mit euch meine Kindheit auf – zumindest ein wenig.

Mein kleiner Bruder war die Art Kind, die von Bäumen fällt, im Garten nach Regenwürmer gräbt und diese nach Hause nimmt und völlig selbstverständlich auf dem Küchentisch parkiert. Was mein älterer Bruder für ein Kind war, weiss ich nicht – er ist schliesslich vor mir da gewesen. Meine Schwester, die sich mit drei Jungs rumschlagen musste, blieb trotz allem ganz das Mädchen – Pferde, Himmelbetten, Prinzessinnen und pink.

Und ich? Ich steckte meine Nase ständig in Bücher. In der Primarschule versuchte ich, mir mit den Büchern meines Bruders, selbst Latein beizubringen während er in seinen Lateinstunden Tee kochte.
So oft, wie ich über Büchern eingeschlafen bin, kann ich gar nicht zählen. Ich zeichnete und malte und bastelte und schon früh wollte ich selbst Bücher schreiben – Zirkusgeschichten, Mittelalter-Sagen, alles dabei. Mit 10 Jahren war “In 80 Tagen um die Welt” das Buch, das ich für meinen Lesevortrag in der 5. Klasse ausgesucht hatte. Ich war vor allem eines – ambitioniert. Je mehr Bücher, desto besser.

Das Tolle an den Büchern ist, dass man so allerlei Figuren begegnet und irgendwie den Rest des Lebens von ihnen begleitet wird. Da gibt es die Familie Moll, deren Vater kaum mehr als 3 einzelne Haare besitzt und trotzdem zum Friseur geht. Oder Globi, der seltsame Vogel, der sich von einem Raufbold und Störenfried zu einer der wichtigsten und pädagogisch wertvollsten Figuren in der Schweizer Kinderliteratur entwickelt hat. Früher zündete er die Hosen seines Lehrers an oder rauchte als Kind die Zigarren des Vaters, während er heute Themen wie die Arbeit der Schweizerischen Post, der ETH, der Polizei den Kindern nahe bringt, in die Vergangenheit reist, Willhelm Tell trifft und so in die Schweizer Geschichte eintaucht oder auf einer Wanderung den Kindern den Schweizer Nationalpark schmackhaft macht.
Es gibt noch unzählige mehr – Mama Muh, die Schlitten fahren lernt, der vergessliche alte Pettersson und dessen sprechende und grüne Latzhosen tragende Katze Findus (die sind an meiner Liebe für das Backen schuld), Winnie Puh, der keine Hose trägt aber bis heute nie des Nudismus beschuldigt wurde und dessen überdrehten bis zu unvorstellbar passiven Freunde und zuguterletzt der Hase Felix, der es irgendwie anstellt, dauernd verloren zu gehen und so die Welt zu bereisen (Geld, Flugtickets, Fahrkarten und alles was man eigentlich so braucht, um überhaupt Mal an den Bahnhof zu kommen scheinen nie ein Problem oder auch nur ein Thema zu sein). Dafür schreibt er Sophie (bei ihr “lebt” er eigentlich) von dort, wo er gerade steckt, Briefe (was der für Briefmarken ausgegeben hat, will ich gar nicht wissen). Australien, Amerika, England, Italien oder Frankreich – der kleine Hase mit der Glocke am halsband ist irgenwie überall zu Hause und löst noch heute Fernweh in mir aus. Wenn ich durch das Buch blättere (Briefe von Felix), das ich geschenkt bekommen habe, als ich das erste Mal während meiner Schulzeit umgezogen bin, möchte ich mir am liebsten einen grün-roten Koffer kaufen, einen roten Regenschirm einpacken und einfach losziehen. Unterwegs würde ich den Bären Paddington treffen, der mir eins seiner Marmeladen- oder Honigbrote abdrücken würde und mit ihm um die Welt reisen (dass da noch keiner auf die Ideee gekommen ist, die beiden Figuren aufeinandertreffen zu lassen erstaunt mich).

Es ist offensichtlich, dass die Kinder heute ganz anders aufwachsen, als ich in den 90ern und meine Eltern in ihrer Zeit aufgewachsen sind. Es ist eine andere Zeit. Und doch…
Trotz der technischen Geräte und Feinheiten, die Einzug in unseren Alltag erhalten haben, ist vieles gleich geblieben.

Als meine Mitarbeiterin – Hier ein grosses Dankeschön an Kerstin, es hat echt Spass gemacht mit dir – und ich neulich das Schaufenster in der Kinderbuchabteilung für die Adventszeit und Weihnachten herrichteten war ich auf einmal wieder mittendrin – alle da. Felix, Paddington, Pettersson und Findus oder Auguste, die Gans, welche ihr ja bereits kennengelernt habt. Mein Herz hat einen richtigen Freudensprung gemacht und diese kindliche Vorfreude auf Weihnachten und die Freude an der Begegnung mit meinen Kindheitshelden hat mich zutiefst erfüllt.

Als ich dann dem Kinderlachen lauschte und sah, wie sich die kleinen Knirpse in den Büchern vertieft hatten war mir klar – manche Dinge ändern sich nie.
Zeitungen wandern vom Druck ins Internet und das Handy wird irgendwann so dünn sein, wie ein Blatt Papier – aber Felix bleibt Felix. Er reist weiterhin um die Welt und schreibt Briefe, als ob ihn die Veränderung in der Welt nichts anhaben könnten. Mama Muh fährt immernoch Schlitten ohne ihn mit ihrem Gewicht zu zerdrücken (wie macht sie das?!) und Puh frisst sich noch immer bereits beim ersten Schnee durch seinen kompletten Wintervorrat ohne noch Dicker zu werden oder an Diabetes zu erkranken.

Das ist gut so und so soll es auch bleiben.

Hattet ihr auch solche Kindheitshelden und welche waren das? Ich würde mich unheimlich freuen, von euch zu hören!

Schreibt mir auf Facebook oder Instagram. Ein Brief ist natürlich immer willkommen. Eine Email tut’s aber auch. Und für jene, welche meine Handy-Nummer haben gibt’s ja noch SMS, ein Telefonanruf oder Whatsapp 🙂

Macht’s gut, passt auf euch auf, habt eine gute Woche und bis nächstes Mal.

Euer Montagskind,

Jan

 

 

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