Weltenbummler

Es ist ein absoluter Luxus. Ich geniesse ihn sehr. Aufstehen. Dem Tag entgegentreten. Erhobenen Hauptes. Raus in die Welt. Raus ins Leben. Auf zur Arbeit. Mit Freude. Wie gesagt – ein Luxus. Eine Freude, die erfüllt.
Kürzlich erst habe ich erfahren, wie sehr sich der Buchhandel seit ich auf der Welt bin verändert hat. Es war eine Welt, die ich nur noch teilweise miterlebt habe und heute ist es so weit, dass ich meine Ausbildung in einem Beruf machen darf, dessen Alltag kaum mehr Ähnlichkeiten jenem vor 20 Jahren aufweist. Und obwohl sich der Buchhandel so stark verändert hat und auch die Digitalisierung in dieses sonst sehr analoge Métier Einzug erhalten hat, habe ich das Privileg noch immer in einer Buchhandlung ein und aus zu gehen.
Obwohl heute alles im Internet bestellbar und online abrufbar ist und Dinge wie Zeitungen, Magazine oder auch Bücher gar nicht mehr physisch notwendig erscheinen, gibt es noch immer Menschen, die gerne in eine Buchhandlung gehen. Sie geniessen es, beraten zu werden, oder den Geruch von Büchern einzuatmen.
Und jedes Mal wenn ein Kunde an der Kasse sich über das Gewicht eines Buches beschwert, muss ich schmunzeln und vor ein paar Tagen habe ich auch herausgefunden wieso.
Ich habe neulich ein Zitat gesehen, das sich in etwa folgendermassen liest:
“Bücher müssen schwer sein, denn in ihnen verbergen sich Welten.”
Ist doch so – oder etwa nicht? Die Tatsache, dass ich heute hier bin und jede Woche eine kleine Leserschaft mit meinen Gedanken, Erfahrungen und Texten unterhalte zeugt davon, dass es Leute wie euch gibt, die es geniessen, das Gewicht dieser Welten mit sich herumzutragen und darin abzutauchen. Zu verschwinden und eine Weile fort zu sein – in dieser Welt.
Mit Menschen, die so sind wie ihr, habe ich jeden Tag Kontakt. Ich bedienen sie, helfe ihnen oder arbeite sogar mit ihnen zusammen.
Wir Buchhändler, wir sind ein besonderes Volk. Wir schreiten durch einen Schrank und landen in einem fremden Land, wo Löwen sprechen und Hexen mit Honig locken. Wir sind Hobbits, die sich gerne in ihren kleinen, friedlichen Garten zurückziehen, zugleich aber voller Neugier und mit Mut im Herzen fremde Pfade beschreiten, von denen wir nicht wissen, wohin sie uns führen werden. Wir sitzen mit Winnetou und Old Shatterhand am Lagerfeuer und fangen mit ihnen wilde Mustangs ein, wir halten Werther bei seinen emotionalen Abstürzen die Hand, wir sitzen mit einem Hasen und einem Hutmacher beim Tee und liefern uns mit Mr. Darcy geistreiche Wortgefechte. Wir fliegen an der Seite von Peter Pan durch die Lüfte und schwingen uns mit
Tarzan von Liane zu Liane. Wir reisen mit dem Orientexpress nach London und tauchen mit dem U – Boot zum Mittelpunkt der Erde, wir fechten für die Ehre unserer Königin und lamentieren Gedichte unter Balkonen. Wir sind ruhelose Weltenbummler, selbstvergessene Träumer, Seiltänzer zwischen den Welten und trotzige Kämpfer. Und ja, es ist nicht immer einfach mit uns.

– Désirée Fessler in ihrer Rede zur Buchandelsfeier. Fessler schloss ihre Buchhandelslehre 2014 ab und arbeitet bei Orell Füssli Thalia im Loeb in Bern.

So sind wir. Und seit ich weiss, dass ich in meinem tiefsten Inneren immer einer gewesen bin, würde ich nicht mehr tauschen wollen. Es ist eine Identität, die sich im Laufe der Zeit verändert und doch stets die selbe bleibt. Dass das so bleibt, haben wir euch zu verdanken – den Lesern
Weil es euch gibt, gibt es uns. Weil ihr es geniesst, beraten zu werden, Empfehlungen zu erhalten oder den Geruch von Büchern einzuatmen, haben wir den Ort geschaffen, an dem all dies möglich ist – die Buchhandlung.
Eine Buchhandlung ist genauso besonders, wie die Menschen, die darin arbeiten. Jede Buchhandlung ist anders. In jeder Buchhandlung gibt es Neues zu entdecken. Jede Buchhandlung ist eine kleine Welt für sich. Eine Welt in der die Zeit stehen bleibt und man verweilen kann. In manchen Buchhandlungen gibt es ein Café oder zumindest eine Ecke mit Kaffee. In anderen Buchhandlungen gibt es weder das Eine noch das Andere. Aber deswegen ist es noch lange nicht eine schlechte Buchhandlung – denn so etwas wie eine schlechte Buchhandlung gibt es nicht. Es ist völlig normal, dass man sich in gewissen Buchhandlungen wohler fühlt als in anderen. Geht mir auch so – Geschmäcker sind nun mal verschieden.
Dieses Weltenwandeln ist das, was mich an meinem Beruf am meisten begeistert. Ich bin Teil der Welt, in der sich die Menschen, welche in eine Buchhandlung kommen. Ich betrete jeden Tag eine andere Welt und verändere mich jeden Tag ein wenig mit. Ich erlebe die Welt, in der sich meine persönlichen Helden bewegen jeden Tag hautnah. Ich erzähle aus ihrem Leben und mache sie anderen Menschen zugänglich und vertraut.
Ich bin mehr als ein Buchhändler – wir alle sind das. Weltenbummler eben.
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