Generationenkonflikt

Für mich gibt es nichts vergleichbares. Nichts, dass so viel Schönheit ausstrahlt. Ende, Aufbruch, Neuanfang – alles zugleich. Alles strahlt und versinkt doch immer mehr in einer Dunkelheit. Herbst.

Ein Rückblick.
Letztes Jahr war ich im Herbst in Budapest. Letztes Jahr kehrte ich zurück zu den Wurzeln meiner Familie. Ich kehrte zurück an den Ort, an den Ort des Ursprungs. Ich tauchte ein in eine völlig neue Welt. In eine Welt mit einer anderen Kultur und einer eigenen Zeit. Ich begegnete Menschen, die anders sind. Ich kehrte zurück und ich fühlte mich fremd.
Es war eine angenehme Fremde. Es war eine Fremde, die mir irgendwie vertraut vorkam. Ein Gefühl, dass sich in der Stadt sehr wiederspiegelt.
Es gibt kaum eine Stadt, die sich im Laufe des Jahres so verändert wie Budapest. Im Frühling blühen die Kirschbäume und im Sommer ist es wunderbar heiss. Die Menschen fahren baden, Ferien auf dem Land. Im Herbst ist es wunderschön Herbst. Melancholisch. Ein wenig traurig. Lebendig. Im Winter fährt man Schlittschuh, geniesst das Leben in vollen Zügen. Es ist ein ständiges Auf und Ab.
Ich habe Budapest nur im Herbst erlebt – alles andere kenne ich nur aus Erzählungen. Und doch habe ich mich im Herbst besonders wohl gefühlt. Irgendwie mit der Stadt verbunden.
Ich bin den Goldenen Baumkronen entlang durch die Altstadt von Buda spatziert, die gewaltige Aussicht auf Pest geniessen. Genau – die Stadt, obwohl heute vereint, ist in vielerlei noch heute getrennt und das nicht nur durch die Donau. Es ist wie Ost- und Westberlin. DDR und BRD. Deutsch- und Westschweiz – irgendwie eins und doch zwei. Eine unsichtbare Mauer, die trennt und doch ständig übersprungen wird. Unsichtbar und trotzdem da.
Dieser Konflikt macht aber auch den Charme und das Lebensgefühl der Stadt aus. Man fühlt sich ingegriert, weil man weder daheim noch fremd sein kann. Jeder ist hier sich selbst. Die Jungen geniessen ihr Heissgetränk in den hippen Cafés, während die Alten im Park noch immer Schach spielen. Liberal und konservativ im selben Atemzug. Jugendliche, welche dieselben Orte aufsuchen, wie ihre Eltern. Es ist eine Befreiung alter Pflichten und Rituale und doch auch ein Pflegen vergangener Bräuche. Den Blick auf die Vergangenheit und auch auf die Zukunft gerichtet. Die Strapazen des 20. Jahrhunderts sind sehr präsent und die Helden werden noch heute gefeiert. Ein Bewusstsein wer man ist. Ein Stolz auf die eigene Nation. Stolz auf die eigene Geschichte trotz ihrer Höhen und Tiefen.
Tradition und sich neu finden – es ist ein seltsames Zusammenspiel und doch ist es das, was Budapest ausmacht.
Ich habe das Gefühl, dass der Herbst diese Stimmung noch deutlicher zum Ausdruck bringt – mehr als jede andere Jahreszeit.
Für mich ist Budapest ein Tor. Was Istanbul für die arabisch geprägte Welt ist, ist Budapest in den Osten.
Sowie man für Budapest schwärmen kann, findet man aber auch Kritik an der Sozial- und Wirtschaftspolitik des Landes. Das Ungarn in den Händen der Konservativen ist, merkt man deutlich. Ein schwieriges Thema.
Im Endeffekt gehört Budapest für mich zu den Städten, die man in Europa gesehen haben muss. Warum? Weil es eine völlig neue Welt ist. Eine Welt mit einer anderen Kultur und einer eigenen Zeit. Man begegnet Menschen, die anders sind. Man kommt, fühlt sich zuhause und doch fremd. Einzigartig. Besonders im Herbst.
Warum? Weil es eben so ist. Weil jeder einfach ist. Darum.
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