Schreiberling

Ein Buchhändler zu sein verändert mich. Es stellt meinen Alltag ganz schön auf den Kopf. Nie hätte ich gedacht, dass sich mein Bezug zu Büchern so sehr ändern könnte. Früher bestand meine Beziehung zu diesen gebundenen oder gehefteten (wichtiger Unterschied!) Wunderwerken (okay nicht jedes Buch ist inhaltlich ein Wunderwerk aber als Gesamtpaket dafür praktisch jedes) aus dem Lesen und dem ins Regal stellen. Ich lese selten ein Buch zwei Mal. Dafür begleiten mich Bücher oft über eine längere Zeit. Das hat sich seit dem Beginn meiner Ausbildung noch intensiviert. Ich nehme das Buch, das ich gerade lese meist überall hin mit, auch wenn ich weiss, dass ich es vermutlich gar nicht in die Hand nehmen werde. Aber ich geniesse ihre Gesellschaft. Sie sind immer da und irgendwie brauche ich das. Wenn ich den Bezug zum Alltag verliere, dann erinnern sie mich daran, dass es noch andere Welten und Universen gibt und der Alltag getrennt davon stattfindet.

Ich bin den ganzen Tag von Menschen umgeben. Die für eine Buchhandlung, einen Verlag, eine Zeitschrift (ja – Zeitungen sind auch eine Zeitschrift) oder für sonstwen aus der Branche arbeiten. Das Buchhändler-sein ist ein Knotenpunkt für verschiedene Welten und Bereiche. Man steht in der Mitte eines riesigen Uhrwerkes, das ohne das reibungslose Zusammenspiel einfach nicht funktioniert und alles, was man noch machen kann, ist einfach zu staunen. Ein Staunen, aus dem ich seit dem Beginn meiner Ausbildung nicht mehr herausgekommen bin.

Es verändert mich jeden Tag ein klein wenig mehr. Ich habe durch meine Arbeit einen viel grösseren Respekt gewonnen. Respekt vor jedem einzelnen, der in den Entstehungsprozess von Büchern involviert ist. Verleger. Autoren. Lektoren. Drucker. Buchbinder. Buchhändler. Angehörige. Jeder einzelne ist ein Teil dieses Prozesses.

Das Buchhändler-sein hat aber auch dazu beigetragen, dass sich mein Schreiben weiterentwickelt hat. Ich meine – wie kann man, wenn man von so vielen wunderbaren Autoren und Schriftstellern umegeben ist, nicht inspiriert werden? Das ist schlicht und ergreifend nicht möglich. Punkt.

Ich schreibe wieder mehr, wie auch schon. Es fällt mir sehr viel leichter. Es ist ein Ausgleich, der enorm wichtig geworden ist. Ich könnte nicht mehr ohne. Es kommt mir entgegen, dass ich so viel unterwegs bin. Ich habe Zeit zu lesen oder zu schreiben. Im Moment entscheide ich mich tendenziell für Letzteres. Wieso? Keine Ahnung. Es entspricht mir zurzeit einfach mehr, zu schreiben. Ich lese nach wie vor gern aber im Moment gibt mir das Schreiben mehr zurück.

Das Buchhändler-sein hat mich zum Schreiberling gemacht. So sehr, dass sich die unzähligen Notizen auf meinem Mobiltelefon langsam zusammensetzen lassen und ich begonnen habe, an einer Geschichte zu arbeiten.

Wer weiss, vielleicht wird daraus eines Tages ein Buch oder ich veröffentliche es hier. Obwohl schon einige Tausend Wörter zusammengekommen sind, habe ich mich noch nicht entschieden wohin es mit diesem Projekt geht.

Es ist nämlich weniger ein Projekt, sondern vielmehr ein Kind meines Daseins als Buchhändler. Und deswegen macht es mir auch Spass. Ich bin ein Teil dieses Kindes und es ist genauso ein Teil von mir. Ein Miteinander und Füreinander und manchmal auch ein Gegeneinander. Alles braucht es.

Montagskind, Schreiberling, Zeichner, Reisender – langsam häuft es sich. Mir gefällts.

Ich wünsche euch eine gute Woche. Past auf euch auf und hoffentlich bis bald.

Euer Jan

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