Planlos

Es gibt zwei Arten von Menschen. Diejenigen, die sehr früh wissen, was sowie wohin sie wollen und das dann kompromisslos durchziehen. Und dann gibt es noch diejenigen die lange keine Ahnung haben, was ihnen eigentlich entspricht und dann irgendwo landen, wo es ihnen schlussendlich gefällt.

Schön wär’s. Diese Schubladisierung im Stil von “Es gibt zwei Arten von Menschen …” ist doch völliger Mist. Wenn ich eines aus meinem Leben gelernt habe, dann dass man Menschen nicht schubladisieren kann. Es gibt einige, die dem ein oder anderen Vorurteilgerecht werden – das heisst noch lange nicht, dass sie vollständig der eigenen Vorstellung entsprechen.

Vor einem Jahr hatte ich noch Pläne – ich hatte meine Zukunft mehr oder weniger als entschieden angesehen. Matura – Studieren – Unterrichten. Ein Leben, das 15 Jahre vorausgeplant gewesen war und ich lange gedacht habe das wäre mein Leben.

Heute wird es ein wenig persönlich, weil mir das Thema und die Erfahrung am Herzen liegt. Ich war zufrieden mit der Vorstellung studieren zu gehen. Ich war zufrieden mit der Vorstellung, irgendwann eine Klasse vor mir zu haben, die sich für das interessiert, was ich ihr erzähle – nun ja, mehr oder weniger auf alle Fälle. Ich war zufrieden, weil ich mit der Vorstellung, diesen Weg zu gehen, mehrere Probleme als gelöst betrachten konnte. Ich musste niemandem erklären, dass ich keine Ahnung hatte, was ich werden wollte. Ich musste niemandem erklären, was ich aus meinem Leben machen wollte. Plötzlich hatte ich einen Plan.Einen Plan, den ich mit anderen teilen konnte ohne zu fürchten, dass es au Skepsis stossen würde. Ich war zufrieden damit, ich war zufrieden mit mir und ich war zufrieden mit meinem Leben. Doch eines fehlte. Obwohl ich zufrieden war, war ich nie glücklich. Meine Pläne waren mehrheitlich dazu da gewesen, unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen und mich vor neugierigen Menschen abzuschirmen. Einmal erklärt. Verstanden. Der Jan wird Lehrer. Ende der Geschichte. Ich dachte wirklich, ich hätte das Leben gefunden.

Doch genau das war das, was fehlte. Leben. Ein Leben, das mich glücklich machte und nicht einfach eine nächstbeste Alternative darstellte. Ein Leben, das mir das Gefühl gab, dass es mein Leben ist. Ein Leben, das ich leben konnte, war nicht da. Jetzt fragt ihr euch vielleicht, wie das möglich ist.

Wenn man immer erwartet, dass andere Menschen Erwartungen an einen haben, dann gerät man irgendwann an den Punkt, an dem man glaubt, dass jeder etwas von einem erwartet und diese Erwartung, dass andere etwas erwarten wird zu einer Realität, in der man zu leben beginnt, obwohl sie auf purer Einbildung beruht. Es gibt Menschen, die Erwartungen stellen und das ist auch gut so, weil – es ist in einem gesunden Mass und häufig auch auf einer sachlichen Ebene, auf der diese Erwartung entsteht. Meine Ausbildnerin und meine Mitarbeiter erwarten, dass sie sich auf mich verlassen können. Oder dass ich zuhöre und Anweisungen folge und das ist gut so, denn es gehört einfach dazu und ohne funktioniert es auch nicht. Das Entscheidende ist, dass sich diese Erwartung an mein professionelles Ich wendet. An meine Tätigkeit und an meine Fähigkeiten als Buchhändler. Das hat mit mir als Mensch rein gar nichts zu tun. Klar – Menschen, die von Natur aus zuverlässig sind, denen fällt es leichter, dieser Erwartungshaltung gerecht zu werden, aber auch bei ihnen ist lediglich der Charakter ein Bonus oder ein Vorteil, der Einfluss auf eine sachliche Ebene nimmt.

Doch wenn man zu glauben beginnt, dass jeder Erwartungen stellt und dies auch noch an den Menschen selbst, dann vermischen sich die sachliche und persönliche Ebene und dann wird es anstrengend.

Ich bin viel zu lange mit dieser verzerrten Erwartung durchs Leben gegangen. Die Folgen? Ich hatte Mühe, mich Kritikern zu stellen. Es war schwierig für mich Kritik anzunehmen – sowohl positiv als auch negativ. Die Kommunikation zu anderen Menschen wurde schwierig weil ich mich schnell angegriffen fühlte. Nähe oder eine tiefe Verbindung; auf andere Menschen einzugehen, war mir nicht mehr möglich. Gut gemeinte Ratschläge waren wie Nadelstiche, weil ich dachte, die Person hält mich für einen Versager, naiv oder einen Taugenichts. Wichtige Tipps zerschellten an meinem Ego und in vielen Bereichen begann eine Last zu wachsen, die mich nach und nach zu erdrücken begann.

Ich machte mir vor, dass ich dieses vorgeplante Leben nun leben muss, weil ich sonst bei allen als Nichtsnutz oder Faulenzer angesehen werden würde. Ich machte mein Leben von den Meinungen anderer abhängig und stellte Erwartungen an mich und meine Umwelt, die weder ich noch sie jemals hätte erfüllen können.

Ich scheiterte täglich an den Erwartungen an mich selbst. Ich scheiterte täglich an meinen eigenen Anforderungen.

Ich wurde zunehmend von einer Unruhe und Rastlosigkeit erfasst. Ich schlief immer weniger und vernachlässigte mein inneres Gleichgewicht. Mein Alltag jedoch lief weiter. Beziehung. Arbeit. Schule. Familie. Jemand hat mir mal gesagt, dass es nicht reiche mich zu kennen – man müsse mich verstehen. Das Problem sei, dass ich niemanden mich verstehen lasse. Heute sehe ich wie Recht die Person hatte. Das Problem war, dass ich mich selbst nicht mehr kannte. Ich hatte irgendwann den Draht zu mir selbst verloren. Die Verbindung war verschwunden. Ich war ein Schatten meiner selbst.

Es erreichte ein Ausmass, auf das ich hier im nicht im Detail eingehen möchte aber ich erlebte einen meiner absoluten Tiefpunkte. Ich war von meinem eigenen Leben überfordert und enttäuscht. Mit 21 Jahren hatte ich noch nicht die leiseste Ahnung, was genau ich eigentlich wollte. In keinerlei Hinsicht.

Ich wurde oft verletzt. Nicht bewusst und nicht tatsächlich. Doch ich hatte eine solche Mauer aufgebaut und Erwartung entwickelt, dass ich nur Enttäuschung erlebte. Wenn ein Kontakt etwas seltener wurde entwickelte ich den Eindruck, dass ich für die andere Person nicht mehr interessant oder langweilig geworden war. Machte jemand einen dummen Spruch, dachte ich die Person kann mich nicht leiden. Ich hatte gar keine andere Möglichkeit, als verletzt zu werden. Von mir selbst.

Es war mir dementsprechend auch nicht mehr möglich, mich selbst aus dem Tief zu erheben. Ich hatte keine Kraft mehr und nicht die innere Stärke, die man dazu braucht. Ende. Aus.

Heute stehe ich an einem Punkt, wo ich nicht zufrieden bin mit meinem Leben – ich bin glücklich. Ich bin glücklich damit, wie ich bin und dass ich so bin. Ich trage noch immer meine Kämpfe mit mir selbst aus – ich bin noch immer viel zu selbstkritisch mit mir; daran kann und will ich arbeiten (Hallo Vorsatz 2018). Doch den grössten Teil der Zeit bin ich zufrieden und glücklich mit mir selbst. Ich fühle mich wohl in meiner Haut – zumindest psychisch und das ist sehr wertvoll für mich.

Wie ich das angestellt habe? Gute Frage. In all dem Selbstzweifel und falschen Selbstmitleid und dem ganzen emotionalen Müll in den ich mich eingegraben hatte, hörte ich auf einmal ein Stimmchen. Mal hier mal dort. Am Anfang ganz leise später immer lauter.

Jetzt ist der Moment gekommen. Mach reinen Tisch und entscheide dich für das, was du liebst. Entscheide dich für das, was dich glücklich macht. Entscheide dich für dich.

Gespräche in der Berufsberatung und bei Seelsorgern/ Therapeuten/ Psychiatern folgten. Teilweise bis heute regelmässiger Bestandteil meines Alltags und ganz ehrlich – ohne hätte ich das nie hingekriegt. Ich habe einen Anker gefunden, der meinem Leben wieder Ruhe gegeben hat.

Ich habe mich bewusst gefragt – was willst du eigentlich – und das so ehrlich wie nur möglich. Ich habe ein Fazit über meinen Alltag und meine bisherigen Träume gezogen und entschieden mich neu zu entscheiden.

Ich habe meine Pläne über Bord geworfen und aufgehört zu planen. Mich befreit.

Es war alles andere als leicht und ich werde noch oft herausgefordert wenn wieder diese innere Spannung auftaucht, die mich aus dem Gleichgewicht bringt. Es hört nicht auf, ist aber immer seltener geworden. Ich habe gemerkt, dass ich statt darauf zu warten, bis das Leben mich findet, meine ganze Energie dafür aufgebracht habe verkrampft, das Leben zu finden.

Am Anfang habe ich gesagt, dass es zwei Arten Menschen gibt und das stimmt so nicht. Es gibt allerdings Menschen, die das Leben finden und das Leben sie findet und das zur selben Zeit stattfindet. Es gibt auch noch ganz andere, wie zum

Beispiel – mich, der das Leben findet und das Leben mich findet und das zu komplett verschiedenen Zeiten passiert. Ich denke, dass wir in der heutigen Gesellschaft so sehr auf Leistung fokussiert sind, dass wir vergessen, dass das Leben uns finden will und dass es oft sehr viel mehr für uns bereit hält als wird gedacht haben. Wir vergessen, dass es eine Leichtigkeit und eine innere Ruhe gibt, die dem Leben Unbeschwertheit, Leichtigkeit und innere Ruhe verleiht.

Wir vergessen uns.

Ich habe mich vergessen und mich wieder gefunden. Ich bin glücklich mit mir, meinem Beruf, meinem Umfeld. Ich bin reich beschenkt. Bin spontaner geworden. Mehr unter die Leute gekommen.

Ich habe aufgehört mehr zu planen, als ich kontrollieren kann. Ich nehme eines nach dem anderen. Schritt für Schritt. Stufe um Stufe. Ich konzentriere mich auf das, was mich glücklich macht. Ich arbeite an meinen Schwächen und versuche trotzem Erwartungen zu haben. In einem Mass, in dem ich ihnen gerecht werden kann. Wenn man keine Erwartungen hat, bleibt man immer wo man ist. Hat man zu hohe Erwartungen, bleibt man immer wi man ist und fällt oft noch zurück. Das habe ich gelernt. Ich habe gelernt, dass es Dinge gibt, die nicht in meiner Hand sind. Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Dinge, bei denen ich waren muss, bis das Leben mich findet.

Ich bin glücklich. Planlos.

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