“Die Zeit”

img_0177Ein Junger Herr in einem Vierer-Abteil im Zug. Völlig unscheinbar, und doch gibt er ein interessantes Bild ab. Auf dem kleinen Tischchen steht eine Thermoskanne – vermutlich Kaffee oder Tee. Er trägt Sneakers und Sweatshirt. Was allerdings langsam die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zieht, ist das raschelnde Geräusch der Zeitung, die er in Ruhe studiert. So sitzt er da. Die Zeitung so gross, dass der junge Herr fast vollständig hinter ihr verschwindet, wenn er sie hochhält, um auf die nächste Seite zu blättern.

Während der Zug gemütlich in einen Bahnhof einrollt, nippt der Junge Herr an seinem Thermosbecher und scheint das Interesse der Anwesenden an seiner Tätigkeit nicht zu bemerken.

Das bin ich – Jan, 22, neo-Abonnent von “die Zeit”, einer deutschen polit-wirtschaftlichen Wochenzeitung. Und in der Tat – sie zu lesen braucht Zeit. Meist bin ich gerade so knapp durch mit all den interessanten Themen bis bereits die neue Ausgabe im Briefkasten liegt. Vielleicht ist es das, was für meine Mitreisenden (von denen übrigens die Hälfte selbst gerade Zeitung liest) so spannend ist – dass jemand offensichtlich junges Zeitung liest und das offenbar geniesst. Vielleicht erwartet man jemanden im Anzug oder mit Hemd, vielleicht würde das Bild dann eher stimmen, doch ich bin ich. Sneakers, Sweatshirt, Zeitung.

Es ist erschreckend, wie sehr man sich an die 20-Minuten-Leserschaft gewöhnt hat. Aus dem Schweizer Pendler-Alltag ist sie nicht mehr wegzudenken. Für alle meine Leser aus Deutschland: “20-Minuten” ist eine kostenlose Tageszeitung in der Schweiz, welche ab frühmorgens an Bahnhöfen und Strassenbahn-Haltestellen erhältlich ist. Dazu muss man allerdings sagen, dass obwohl “20-Minuten” die meistgelesenste Zeitung und eventuell sogar die Zeitung mit der höchsten Auflage in der Schweiz ist, ihre Qualität und die Themengebiete eher zu Wünschen übrig lassen. Dass Sex, Gewalt und Geld so viel Aufmerksamkeit in der Medienlandschaft erhalten (na gut, der Sport-Teil ist tatsächlich ganz in Ordnung, von den teils gewählten Formulierungen mal abgesehen) finde ich sehr bedenklich, da der Einfluss einer solchen Zeitung massiv unterschätzt wird, da sie eine so grosse Anzahl leser erreicht und das nicht nur auf Deutsch, sondern auch in Italienisch und Französisch.

Wenn man bedenkt, dass in Zeiten wie diesen, wo man in der Schweiz kürzlich Trump zu besuch hatte oder den Abstimmungen im März entgegenblickt, die durchaus wegweisend für den Schweizer Radio- und TV-Journalismus sind ist es nur notwendig, dass es eine Plattform geben sollte, die neutral und fundiert über solche Ereignisse berichtet.

Ich verstehe, dass es attraktiv erscheint, “20-Minuten” zu lesen. Sie ist kostenlos, leicht zugänglich und unterhaltsam. Man vertreibt sich die Zeit beim Lesen und hin und wieder findet sich doch den einen oder anderen guten Artikel.

Und doch ist das keine Entschuldigung dafür, dass man für wenig Geld auch auf eine Alternative ausweichen könnte. Denn schlussendlich bilden wir uns aufgrund dessen, was wir lesen eine Meinung. Eine Meinung, welche uns veranlasst, ein bestimmtes Abstimmungsurteil zu fällen, einen bestimmten Politiker zu wählen oder einen Sportler zu mögen. Guter Journalismus, gute und umfassende Recherche, Interviews mit Leuten, die tatsächlich etwas zu sagen haben – ja das kostet Geld. Und das muss man auch bereit sein zu investieren, wenn man Qualitätsberichtserstattung konsumieren will.

Für mich hat das Abonnieren der “die Zeit” mehrere Gründe.

1. Sie schreibt Themendeckend. Sie ist divers, ausführlich, interessant und die Journalisten, die schreiben – die sind einfach gut.

2. “Warum abonnierst du nicht eine Schweizer Zeitung?” Berechtigte Frage. Die Antwort ist, dass ich den schweizer Printmedien einfach zu wenig vertrauen schenke, da ich zu oft erlebt habe, dass genau das fehlt, was ich an “die Zeit” schätze. Keine übereilten Berichte. Keine kurzgehaltenen Artikel. Keine unnötigen Nachrichten – ehrlich! Es interessiert mich nicht, dass ein Betrunkener auf dem Nachhauseweg zu Fuss mit einer Laterne kollidiert und unbeschadet davonkommt (so gelesen in “20-Minuten”).

3. Ich erhalte die Schweizer Ausgabe der Zeitung, was heisst, dass auch die Schweiz in “die Zeit” zu Wort kommt, obwohl sie klar an Deutschland orientiert ist.

4. Wenn mich mein Leben eines gelehrt hat (ja, ich weiss – ich bin erst 22), dann die Tatsache, dass sich die Investition in Bildung immer lohnt. Immer. Davon kann man nie zu wenig haben.

5. Deutschland ist für mich eine Herzenssache. Obwohl ich nicht der deutschen Nationalität angehöre odef in Deutschland lebe, ist mein Herz an der Ostsee hängen geblieben und hat seither nicht mehr in die Schweiz zurückgefunden.

Ihr Lieben – tut euch selbst einen Gefallen und investiert in Bildung. Schaut Nachrichten. Nachrichten – nicht RTL. Lest Zeitung – eine Zeitung, die nicht einfach der Quanität wegen berichtet. Hört Radio – nicht die Hitparade. Ihr werdet ein Leben lang davon profitieren. Seid bereit für Neues, erweitert euren Horizont. Interessiert euch für die Welt. Die Zeit, in der es rendiert, wenn man nur auf sich schaut ist vorbei.

Wenn ihr anderer Meinung seid, dann lasst es mich wissen und ich würde mich über einen ehrlichen und offenen Austausch freuen.

Macht’s gut und passt auf euch auf.

Euer Jan

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo Jan

    Irgendwie Zufall (vielleicht auch nicht) aber mein Vater ist ebenfalls ein grosser Fan der Zeit und wir haben öfters schon über das diskutiert, was du hier in diesem Beitrag ansprichst. Ich lese selten Zeitung, aber wenn ich mal lese, dann guter Journalismus und nicht 20 Minuten.

    Schönen Montag noch

    Josia

    Gefällt mir

    1. Hallo Josia 🙂 das freut mich, dass dir dieses Thema genauso am Herzen liegt. Und ich freue mich natürlich auch auf die Reaktion an sich 😉. Ich finde, dass man nicht immer und jeden Tag Zeitung lesen muss/soll aber sich zu informieren finde ich trotzdem wichtig 😊

      Liebe Gruess

      Jan

      Gefällt 1 Person

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